Bundestagswahl 2017 – Auswertungen für Bonn

Am 24. September 2017 fand die Wahl zum 19. Deutschen Bundestag statt. Im Nachgang interessierten mich die Ergebnisse für die einzelnen Wahlbezirke der Stadt Bonn. Allerdings waren dafür nur die etwas sperrigen, JPEG-basierten Einzelauswertungen des General-Anzeiger Bonn1 verfügbar. Hier fehlte mir zumindest der Bezug zu den Gesamtergebnissen des Bonner Wahlkreises, die man im Gegensatz zu den Bezirksergebnisse vielfach im Netz findet2. Zur Erinnerung:

Partei Erststimme ‘17 Zweitstimme ‘17 Zweitstimme ‘13
CDU 32.0% ↓ 29.8% 36.3%
SPD 34.9% ↓ 20.2% 25.9%
GRÜNE 8.4% ← 14.1% 13.7%
LINKE 5.7% ↖ 9.6% 6.3%
FDP 10.5% ↑ 15.7% 8.3%
AfD 6.1% ↖ 7.3% 4.3%
Sonstige 2.4% 3.4% -

Darüber hinaus wollte ich mögliche, lokale Tendenzen über eine Kartenvisualisierung erkunden. Erfreulicherweise hält die Stadt Bonn die nötigen Rohdaten auf ihrem Open-Data-Portal unter einer Public-Domain Lizenz3 vor. Als Datenquellen wurden die CSV-Exports der amtlichen Bundestagswahlergebnisse4 – laut Webseite sind das vote-iT votemanager5 Exporte – und die EPSG:4326/GeoJSON-Karte der Wahlbezirke herangezogen6.

Erst-/Zweitstimmen nach Parteien pro Wahlbezirk

Die Grafik stellt die Ergebnisse der neuen Parlamentsparteien im aktuellen Wahlbezirk (jeweils in farbigen Balken) und die Gesamtergebnisse des Wahlkreis 96 (hellgraue Balken) gegenüber. Parteien, die auf Bundesebene an der 5%-Hürde gescheitert sind, sind wie üblich unter SONSTIGE aufsummiert. Über die Auswahlboxen kann zwischen Wahlbezirken und Erst-/Zweistimmen gewechselt werden.

Die Ergebnisse wurden in den lokalen Medien umfangreich besprochen. Auf die lokalen Besonderheiten gehe ich in den nächsten Abschnitten genauer ein. Ich persönlich war allerdings überrascht, wie stark das Erst- und Zweitstimmenergebnis der SPD voneinander abweicht, während die CDU bei beiden Stimmen ähnliche Ergebnisse erzielt hat. Theorie: CDU-Wähler haben tendenziell zweimal Schwarz gewählt, aber knapp 15% der Erststimmen-SPD-Wähler wählten mit der Zweitstimme eine “kleine” Partei. Das passt durchaus zur Mechanik der Erststimmenwahl, die ja außerdem auch eine Personenwahl ist.

Wahlsieger pro Wahlbezirk

Die Karte visualisiert den Wahlgewinner nach Erst-/Zweistimmen pro Wahlbezirk. Hier ist wichtig zu erwähnen, dass für die Bundestagswahl natürlich nur die Gesamtergebnisse des Wahlkreises zählen. Für die Zweistimme ist die Partei mit der einfachen Mehrheit dargestellt. Wenn man mit der Maus über die Wahlbezirke fährt, kann man den Bezirksnamen und das Parteiergebnis anzeigen.

Für die Erststimme fällt sofort auf, dass die SPD tendenziell die zentrumsnahen Bezirke gewinnt, die CDU dagegen den “Speckgürtel”, wobei Plittersdorf und Bad Godesberg eine Art Übergangsbereich bilden. Dort sind die prozentualen Anteile beider Parteien auch recht nahe beieinander. Wie man in der nächsten Karte noch sehen wird, hat die CDU in den Randgebieten dabei stärkere Verluste zu verzeichnen, als im Zentrum.

Die Zweitstimme zeigt ein eindeutiges Bild, dass man auch an den Bonner Gesamtergebnissen sehen kann. Die CDU ist stärkste Kraft, wobei zu erwähnen ist, dass dem 36.3% Stimmanteil aus 2013 gegenüberstehen – 2017 war also das schlechteste Ergebnis bisher7. Ähnlich ist es der SPD ergangen, die von 25.9% auf 20.2% gefallen ist. Wer linke und grüne Hochburgen bevorzugt, sollte am ehesten im Raum Nordstadt und Endenich II nach Immobilien suchen.

Gewinne/Verluste gegenüber 2013 pro Partei und Wahlbezirk

Die zweite Karte visualisiert die prozentualen Gewinne oder Verluste der Parlamentsparteien gegenüber der Bundestagswahl vom 22. September 2013 pro Wahlbezirk. Eine rote Färbung bedeutet Prozentverluste, grüne Färbung dagegen -gewinne und die neutrale, weiße Färbung zeigt an, dass das Wahlergebnis bestätigt wurde. Die Gewinne und Verluste bewegten sich in etwa zwischen -10% und +10%, die Stärke der Färbung richtet sich daher nach dem Differenzwert. Die Grenzwerte wurden nur einmal überschritten, was uns zu einer kleinen tabellarischen Auswertung führt:

Maximalwert Prozentwert Partei Wahlbezirk
Gewinn 1. Stimme 10.11% FDP 16 Röttgen / Ückesdorf
Gewinn 2. Stimme 8.61% AfD 07 Tannenbusch
Verlust 1. Stimme -8.77% CDU 25 Heiderhof / Muffendorf
Verlust 2. Stimme -9.36% CDU 08 Dransdorf / Lessenich / Meßdorf

Wie man sieht, hat die FDP in Röttgen/Ückesdorf stark zugelegt, auch wenn das Erststimmenergebnis am Ende (nur) über den Direktkandidaten mit der einfacher Mehrheit entscheidet – was bekanntermaßen zum fünften Mal in Folge Ulrich Kelber8 geworden ist. In Tannenbusch hat die AfD über 8% hinzugewonnen. Wahlverlierer sind wie auf Bundesebene die beiden Volksparteien, wobei die CDU in Bonn noch etwas schlechter abgeschnitten hat als die SPD. In Dransdorf/Lessenich sprechen wir von fast 10% bei der Zweitstimme. In der nachfolgenden Tabelle sind noch die Medianwerte für die Gewinne und Verluste pro Partei über alle Wahlbezirke dargestellt, was in etwa auch den Gesamtdifferenzen2 entspricht.

Partei Erststimme Zweitstimme Zweistimme Bund9
CDU -5.53% -6.36% -8.6%
SPD -3.48% -5.57% -5.2%
GRÜNE -0.18% 0.26% 0.5%
LINKE 1.06% 2.78% 0.6%
FDP 4.15% 7.27% 5.9%
AfD 3.32% 2.94% 7.9%

Insgesamt kann man sehen, dass im Gegensatz zum Bundesergebnis die FDP noch vor der AfD die meisten Stimmen hinzugewinnen konnte. Die allgemeinen Trends (Abwahl von Volksparteien, stärkere Ränder, Rückkehr der FDP) sind aber auch in Bonn wiederzufinden. Grüne und Linke sind wie bereits erwähnt stabil geblieben. Nur in den Stadteilen Endenich und Nordstadt finden sich tendenziell grüne und linke Wählerschaften – zur Erinnerung: Die Innere Nordstadt hat sogar eine grüne Mehrheit (22.15%, SPD 19.17%, Linke 18.6%) bei den Zweitstimmen. Auffällig ist, dass die FDP und AfD sowohl bei Erst- als auch Zweitstimmen stark zugelegt hat. Erwartet hätte ich, dass vermehrt taktisch gewählt und man sich bei der Erststimme für eine der beiden Volksparteien SPD oder CDU entscheidet. Passend zum Gesamtergebnis legt die FDP in allen Stadtteilen gleichermaßen zu – mit leichtem Schwerpunkt im Süden und Südwesten von Bonn. Dagegen wurde die AfD eher am Stadtrand und rechtsrheinisch stärker gewählt als bei der letzten Bundestagswahl. Interessant ist auch, wie wenig die Tönungen bei den Stimmen der AfD voneinander abweichen. Wenn AfD, dann anscheinend konsequent mit erster und zweiter Stimme. Die sind übrigens in Bonn anteilig nicht so stark aufgestiegen wie im Bundesschnitt – nicht dass wir uns jetzt was darauf einbilden könnten.

Schluss

Wie immer sind alle Auswertungen und aggregierten Daten unter einer Open-Source Lizenz frei verfügbar. Feedback oder Fragen gerne via Twitter und wer sich direkt auf den Code stürzen möchte, der schaut am Besten mal bei bl.ocks vorbei.

Referenzen